titel

Fundstelle: DBV Mitteilung 5/2006

 

 An die Europäische Kommission – markt-greenpaper-audit@ec.europa.eu

Stellungnahme

zum EU-Grünbuch: Lehren aus der Krise in Bezug auf die Abschlussprüfung
     von Dr. Carl W. Barthel, Köln

  
Vorbemerkung
In meinem konzeptionell angelegten Beitrag in der Fachzeitschrift „DER BETRIEB“ Heft 20 v. 15.05.2009 (DB 2009, 1025-1032, Anlage) habe ich mich mit den Konsequenzen aus der Subprime-Krise beschäftigt und mich auch zur Rolle von Wirtschaftsprüfern geäußert. Hierbei habe ich auf das Zusammenspiel und auf die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen

hingewiesen (Dreiecksbeziehung als konzeptioneller Rahmen). Das Grünbuch fokussiert auf die handelnden Personen und weniger auf die Güte der Daten der Rechnungslegung und auch weniger auf die angewandten Methoden und Verfahren einer Prüfung. Insoweit wäre zu überlegen, den konzeptionellen Ansatz im Hinblick auf die Ableitung von Regelungen der Rechnungslegung bzw. das Setzen von Rechten und Pflichten der Abschlussprüfer im Blick zu behalten.
Das Grünbuch nennt in der Einleitung einige Ziele, die mit ihm verfolgt werden. Es wäre zu überdenken, diese Ziele in ein stringentes Zielsystem mit Haupt- und Nebenzielen zu stellen (mit Ranking).
Als Hauptziele wären aus meiner Sicht zu nennen:

Nebenziele sind:

 

Fragen

Antwort

Erläuterung

1.

Möchten Sie allgemein zur Herangehensweise und zu den Zwecken dieses Grünbuchs Stellung nehmen?

Zur Herangehensweise: Erarbeitung eines konzeptionellen Ansatzes sowie die Schaffung eines Rankings der mit dem Grünbuch verfolgten Ziele.
Zum Zweck dieses Grünbuchs: Erarbeitung einer EU-Richtlinie zur Erhöhung der Qualität und - unter Vermeidung einer Konzentration - des Wettbewerbs bei der Erbringung von Leistungen der Abschlussprüfer.

Hinweis auf Barthel, Konsequenzen aus der Subprime-Krise, DB 2009, S. 1025-1032.
- siehe auch Schlussbemerkung -

2.

Glauben Sie, dass die gesellschaftliche Funktion der Abschlussprüfung in Bezug auf die Richtigkeit von Abschlüssen genauer definiert werden muss?

Nicht die gesellschaftliche Funktion der Abschlussprüfung sollte genauer definiert werden, sondern das Produkt der Abschlussprüfung in Abhängigkeit zu der Erwartungshaltung interessierter Marktteilnehmer. Es müssen die Regelungen zur Erlangung von Abschlüssen, die den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, verbessert werden. Erst wenn dies nicht möglich ist, muss  die gesellschaftliche Funktion präziser definiert werden.

Solange sich die gesellschaftliche Funktion auf das Urteil bezieht, ob der geprüfte Abschluss ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild vermittelt, die Abschlussregelungen aber Bilanzpositionen zulassen, die den tatsächlichen Verhältnissen widersprechen (fair-value-Ansatz-Problematik, „Bilanzierungshilfen“, Bilanzwahlrechte), wird die Erwartungshaltung diffus bleiben und es werden Enttäuschungen der Adressaten von Abschlussprüferdienstleistungen nicht ausbleiben. Prüfungsschwerpunkt sollte wieder die substantielle Überprüfung der Bilanz sein.

3.

Glauben Sie, dass das allgemeine Niveau der Prüfungsqualität weiter angehoben werden kann?

Ja. Es besteht in Bezug auf „Qualität“ ein Messproblem. Fehlerbehaftete Prüfungsdurchführungen sind z.B. zu vermuten, wenn ein Unternehmen mit uneingeschränktem Bestätigungsvermerk binnen zwei Jahren nach Testat in die Schieflage gerät.

Weniger Formalismus bei der Prüfungsdurchführung ist anzustreben. Der Fokus sollte auf die Erweiterung und Verschärfung der Sanktionen bei fehlerbehafteten Prüfungsleistungen gelegt werden. Der „risikogestützte Prüfungsansatz“ wurde von den BIG-4 auch deshalb propagiert, um KMP aus dem Markt zu drängen.  

4.

Sind Sie der Auffassung, dass Abschlussprüfungen Gewissheit über die finanzielle Solidität von Unternehmen verschaffen sollten? Können Abschlussprüfungen einen solchen Zweck erfüllen?

Abschlussprüfungen sollten Gewissheit über die finanzielle Solidität von Unternehmen verschaffen, weil gerade dies das entscheidende Argument für Investitionsentscheidungen ist. Dieses Ziel ist bei Erhöhung der Qualität, der Güte der zu prüfenden Daten und durch Verbesserung der Prüfungsmethodik erreichbar.

Abschlussprüfungen sollten diesen Zweck erfüllen, weil es sonst keine andere Institution gibt, die in regelmäßigen Abständen vor Ort Einblick in die internen Angelegenheiten eines Unternehmens erlangt. In anderen Rechtsgebieten sind strenge Prüfungen üblich, z.B. Zulassung von neuen Arzneimitteln. Strenge Prüfungen wirken gleichzeitig präventiv. Die Diskussion um „Mehrwerte“ ist eher schädlich.

5.

Sollte die verwendete Prüfungsmethode den Nutzern besser erklärt werden, um Erwartungsinkongruenzen vorzubeugen und die Funktion von Abschlussprüfungen zu präzisieren?

Die jeweils verwendete Prüfungsmethode sollte dem Adressaten besser erklärt werden. Das Gleiche gilt für die Güte der zugrunde liegenden Daten, insbesondere wenn Schätzungen einfließen (Goodwill / teilfertige Arbeiten, nicht bilanzielle Risiken).

Hier ist ein Vergleich zur Erbringung von Bewertungsleistungen zu ziehen: Ein Bewertungsgutachten ohne Darstellung der Methodik oder nur der Angabe des Bewertungsergebnis ist nutzlos. Die Verkomplizierungen und Mathematisierung durch Übernahme der Methodik der BIG-4 führte zu Scheingenauigkeiten.

6.

Sollte die „berufsübliche Sorgfalt" verstärkt werden? Wie könnte dies erreicht werden?

Die berufsübliche Sorgfalt sollte verstärkt werden. Dies könnte durch die Erhöhung des Qualitätswettbewerbes und durch schärfere Sanktionen bewirkt werden.

Je schärfer, schneller und unmittelbarer eine Sanktion greift, um so eher ist ein Abschlussprüfer bestrebt, diese zu vermeiden. Was „berufsüblich“ ist, darf nicht von Gremien bestimmt werden, die von den BIG-4 beeinflusst werden können.

7.

Sollte die negative Wahrnehmung eingeschränkter  Prüfungsvermerke überdacht werden? Wenn ja, wie?

Die negative Wahrnehmung eingeschränkter Prüfungsvermerke sollte überdacht werden. Die Erteilung eingeschränkter Prüfungsvermerke sollte die Regel bilden. Ein uneingeschränkter Prüfungsvermerk sollte die Ausnahme sein. Das Testat ist öffentlich – wie in Frankreich – zu begründen.

Es macht die Adressaten von Prüfungsleistungen nachdenklich, dass in börsennotierten Konzernen trotz eingehender Abschlussprüfung alles ohne Einschränkung in Ordnung sein soll, auch dann, wenn in kurzer Zeit danach ein solcher Konzern in eine finanzielle Schieflage gerät. Die Lösung des HGB in Frankreich ist vorbildhaft und erscheint zwingend.

8.

Welche zusätzlichen Informationen sollten externe Interessengruppen erhalten und wie?

Externe Interessengruppen sollten zusätzliche Informationen erhalten:

    • Anzahl der erhobenen Stichproben in den jeweiligen Prüfungssegmenten,
    • Prüfungsschwerpunkte,
    • detailliertere Aussage zu going-concern,
    • eingehende Beurteilung der außerordentlichen Aufwendungen und Erträge dem Grunde und der Höhe nach,
    • Inhalt des bisherigen „management letter“.

Es sollten „Nachbesserungen“ im Bestätigungsvermerk erleichtert und weniger diskriminierend gestaltet werden. Derartige Nachbesserungen sollten von bestimmten Institutionen (Banken- und Versicherungsaufsichtsbehörden, APAK) in die Wege geleitetet werden können. Zusätzliche Informationen sollten im Bestätigungsvermerk (Testat) und nicht – wie allgemein üblich - in Begleitschreiben zum Prüfungsbericht verankert werden, da diese Schreiben nur einen exklusiven Empfängerkreis erreichen. Die Versendung eines sog. „management letter“ sollte untersagt und in Bezug auf Banken für die Vergangenheit der Aufsichtsbehörde offen gelegt werden.

9.

Besteht ein angemessener regelmäßiger Dialog zwischen den externen Abschlussprüfern, den internen Prüfern und dem Prüfungsausschuss? Wenn nicht, wie lässt sich die Kommunikation verbessern?

Der angesprochene „angemessene regelmäßige Dialog“ zwischen den externen Abschlussprüfern, den internen Prüfern und dem Prüfungsausschuss darf keinesfalls dazu führen, dass ein einvernehmliches Agieren zur Regel wird. Das Risiko der behördlich verordneten Zunahme an Vertrautheit ist zu bedenken. Die kritische Distanz zwischen Prüfer und Geprüften sollte eher gestärkt werden.
Einen schriftlichen durch einen mündlichen Bericht zu ersetzen oder zu ergänzen macht keinen Sinn.
Schriftliche Prüferfeststellungen und Bestätigungsvermerke sollten klar und deutlich abgefasst und keine versteckten Hinweise enthalten. Sie sind auf das Niveau eines Investors mit mittlerem Bildungsstand (und nicht auf das eines Bilanzexperten) auszurichten.

Die Kommunikation ließe sich dadurch verbessern, dass diese weitgehend schriftlich (z.B. per E-Mail), also dokumentiert erfolgt. Die Erhöhung der „kritischen Distanz“ sollte Priorität haben.
Der Begriff „angemessen“ ist sehr unbestimmt und rechtlich kaum überprüfbar. Der Begriff „regelmäßig“ ist im Kontext zu unangekündigt vorgenommenen Prüfungshandlungen zu sehen.
Der intendierte Zwang zur Kommunikation zeugt von der bisherigen mangelhaften Ausdrucksweise und unzureichenden Verständlichkeit schriftlich fixierter Prüferfeststellungen. An letzterem sollte der Hebel angesetzt werden, sonst wird keine Verbesserung erreicht. Schriftliche Formulierungen durch Abschlussprüfer wie: „Die Höhe der teilfertigen Arbeiten konnte nicht abschließend beurteilt werden“ sind üblich, aber schlecht. Mehr Dialog bedeutet mehr an Mandantenbindung, mehr an Vertrautheit und weniger an kritischer Distanz.

10.

Sollten Abschlussprüfer Ihrer Auffassung nach Aufgaben im Hinblick darauf übernehmen, die Verlässlichkeit der von den Unternehmen im Bereich CSR ausgewiesenen Informationen zu gewährleisten?

Abschlussprüfer sollten nicht Aufgaben im Hinblick auf den Bereich CSR  übernehmen, damit der Fokus auf die Verlässlichkeit der Jahresabschlussdaten nicht beeinträchtigt wird. Durch „Draufsatteln“ wird eine Abschlussprüfung nicht solider.

Das „Draufsatteln“ von zusätzlichen Aufgaben, wie Überwachung im Bereich CSR, ist nicht vorbildlich, weil die Abschlussprüfung dann zu einer diffusen multifunktionalen Tätigkeit mutiert und diese nicht trennscharf einer Beurteilung in Bezug auf Abschlussinformationen fähig bleibt.

11.

Sollte der Abschlussprüfer den Interessengruppen regelmäßiger Informationen zur Verfügung stellen? Sollte darüber hinaus die zeitliche Lücke zwischen dem Jahresende und dem Zeitpunkt des Prüfungsurteils verkleinert werden?

Der Abschlussprüfer sollte nicht regelmäßige Informationen, insbesondere in der zeitlichen Lücke zwischen Jahresende und dem Zeitpunkt des Prüfungsurteils, zur Verfügung stellen.

Zwischendurch-Informationen haben den Nachteil, dass man bei späterer abweichender Erkenntnis von diesen Informationen nicht wegkommt, so dass letztendlich das finale Prüfungsurteil verfälscht wird. CSR hat nur mittelbar etwas mit Rechnungslegungsvorschriften und dem Zielsystem der Investoren zu tun.

12.

Welche anderen Maßnahmen könnten in Betracht gezogen werden, um den Wert von Abschlussprüfungen zu erhöhen?

Maßnahmen zur Erhöhung des Wertes von Abschlussprüferleistungen sind:

  • Erhöhung des Qualitätswettbewerbs,
  • Ausweitung der Sanktionen bei Fehlleistungen von Abschlussprüferleistungen,
  • höhere Schadenshaftung,
  • Ausweitung des Begriffs „Fehlurteil“ anhand objektiver Kriterien (z.B. bei späteren Schieflagen).

Ein wichtiges Kriterium für die Beurteilung des Wertes eines Abschlussprüfers bzw. einer Prüfungsgesellschaft sind:

    • Informationen darüber, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft selbst finanziell steht. Konsequenz: Ausweitung der Publizitätspflicht bei „großen“ Prüfungsgesellschaften;
    • der jährlicher Hinweis über Fehlurteile von Prüfungsgesellschaften in dem offiziellen Organ der Aufsichtsbehörde über Abschlussprüfer (Pranger).

13.

Wie stehen Sie zur Einführung der ISA in der EU?

Die ISA sollten an die Bedürfnisse sowohl für KMU und KMP angepasst werden.
Die Anpassung muss jedoch eine andere Richtung als bislang diskutiert haben.

Bislang ist es umgekehrt: Man diskutiert über Erleichterungen der Vorschriften für kleiner und mittlere Unternehmen bzw. kleinere und mittlere Prüfungsgesellschaften. Bei größeren Unternehmen bzw. größeren Prüfungsgesellschaften sollten die Anforderungen strenger werden.

14.

Sollten die ISA EU-weit verbindlich vorgeschrieben werden? Wenn ja, sollte für die Übernahme das gleiche Verfahren gewählt werden wie es derzeit bei den International Financial Reporting Standards (IFRS) angewandt wird? Oder sollte angesichts der weitverbreiteten Nutzung der ISA in der EU alternativ dazu ihre Nutzung weiter durch nicht zwingende Rechtsinstrumente (Empfehlung, Verhaltenskodex) gefördert werden?

Die ISA sollten als verbindliche (zwingende) Rechtsinstrumente in der EU eingeführt werden.
Nachteilig könnte auf Dauer sein, dass die ISA von der IFAC (via IAASB) festgelegt werden, einem Gremium, in dem die BIG-4 massiv dominieren.

Sollten die ISA unverbindlich eingeführt werden, wäre dies zwecklos. Die Übernahme des Verfahrens wie bei IFRS hat sich im Grunde bewährt. Die Förderung nicht-zwingender Rechtsinstrumente geht ins Leere und führt zu Aufweichungen. Jahresabschlussadressaten wollen ein klares Bild über den Jahresabschluss, über das Unternehmen (tatsächliches Bild), den Jahresabschlussprüfer und über die verwendeten Jahresabschlussmethoden.

15.

Sollten die ISA weiter an die Bedürfnisse von KMU und KMP angepasst werden?

Ja. Eine Verschärfung für große Unternehmen und Prüfungsgesellschaften und nicht eine Erleichterung für KMU bzw. KMP ist zu fordern.

Siehe auch Hinweis auf Frage 13 (Umkehrung der Stoßrichtung, d.h. Verschärfung der Regelungen  bei großen Prüfungsgesellschaften und Mandanten).

16.

Ist die Tatsache, dass der Prüfer vom geprüften Unternehmen bestellt und vergütet wird, problematisch? Welche alternativen Vereinbarungen würden Sie in diesem Zusammenhang empfehlen?

Die Tatsache, dass der Prüfer vom geprüften Unternehmen bestellt und vergütet wird, ist problematisch, weil bei einer Meinungsverschiedenheit bezüglich des Testats oder einer Verfahrensweise der Entzug des Auftrags für Folgejahre droht. Ein obligatorischer Wechsel bei großen Prüfungsgesellschaften nach 3 Jahren ist sinnvoll. Die Bestellung durch eine Aufsichtsbehörde (z.B. Bankenaufsicht, Kammer) und bei anderen Unternehmen von öffentlichem Interesse durch das Handelsregister wäre optimal.

Der Austausch des verantwortlichen Partners innerhalb einer Prüfungsgesellschaft bringt nichts. Je größer eine Prüfungsgesellschaft und je größer das zu prüfende Unternehmen ist, desto kürzer sollte die Rotationsfrequenz sein. Dies ist  in Abhängigkeit von Größenmerkmalen nach Umsatz, Bilanzsumme und Mitarbeitern sowie zeitlich zu staffeln.
Die Trennung von Bestellung und Bezahlung ist für ein unabhängiges Urteil und für die Erlangung von Glaubwürdigkeit gegenüber außen stehenden Adressaten aufgrund der Erfahrungen infolge der Krise unabdingbar.

17.

Wäre die Bestellung durch einen Dritten in bestimmten Fällen gerechtfertigt?

Die Bestellung durch einen Dritten und die Installation eines Genehmigungsvorbehalts ist dann gerechtfertigt, wenn es zu einem Fehlurteil einer Prüfungsgesellschaft bei einem Unternehmen von öffentlichem Interesse gekommen ist oder ein börsennotiertes Unternehmen zu prüfen ist.

Zumindest bei börsennotierten Unternehmen sollte die Aufsichtsbehörde den Abschlussprüfer nach dem Zufallsprinzip bestellen können. Dies erhöht den Druck auf die Richtigkeit eines Testats bei vom Unternehmen selbst beauftragten Prüfern.
- Hinweis auf die Schlussbemerkung -

18.

Sollten „Daueraufträge" für Prüfungsgesellschaften zeitlich begrenzt werden? Wenn ja, wie sollte die Höchstdauer eines Prüfungsauftrags aussehen?

„Daueraufträge“ für Prüfungsgesellschaften sind zu untersagen. Die Dauer eines Prüfungsauftrages sollte sich rechtlich auf ein Jahr beziehen.

Die Prüfungsqualität vermindert sich tendenziell mit der zeitlichen Dauer von Prüfungsaufträgen. Später erkannte eigene Fehler eines Abschlussprüfers werden eher kaschiert als offengelegt.

19.

Sollte die Erbringung von Nichtprüfungsleistungen durch Prüfungsgesellschaften verboten werden? Sollte ein solches Verbot für alle Prüfungsgesellschaften und ihre Kunden gelten oder nur für bestimmte Typen von Instituten, wie z.B. systemrelevante Finanzinstitute?

Das Verbot der Erbringung von Nicht-Prüfungsleistungen durch Prüfungsgesellschaften sollte binnen 5 Jahren umgesetzt sein. Speziell die Trennung von Bestellung und Beratung ist für ein unabhängiges Urteil und für die Erlangung von Glaubwürdigkeit gegenüber außenstehenden Adressaten unabdingbar. Dies sollte ausnahmslos für alle Prüfungsgesellschaften und alle Kunden gelten.

Die diesbezügliche Regelung in Frankreich ist vorbildlich und sollte ein „Exportschlager“ werden.
Abgrenzungsschwierigkeiten bezüglich der Einschränkung auf bestimmte Typen von Instituten etc. sollten im Hinblick auf dann zu erwartende Marktreaktionen vermieden werden.
Es kann nicht sein, dass eine WPG vom Aufsichtsrat beauftragt wird, vom Vorstand aber höhere Beratungsaufträge bekommt.

20.

Sollte die Höchstvergütung, die eine Prüfungsgesellschaft von einem einzigen Kunden erhalten darf, reguliert werden?

Bei einer Höchstvergütungsregelung pro Mandant dürfen die kleineren und mittleren Prüfungsgesellschaften nicht aus dem Markt gedrängt werden. Eine hohe Vergütung pro Prüfung schafft auch bei den BIG-4 Abhängigkeiten.

Eine gewisse „Abhängigkeit“ ist auch bei großen Prüfungsgesellschaften im Hinblick auf die Durchführung von Abschlussprüfungen bei großen börsennotierten Unternehmen insofern gegeben, weil bei Verlust des Großmandates bis zu 50 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren.

21.

Sollten für die Transparenz der Abschlüsse von Prüfungsgesellschaften neue Regeln eingeführt werden?

Für die Abschlüsse von Prüfungsgesellschaften selbst sollten neue Regelungen eingeführt werden. Die Transparenz dieser Abschlüsse sollte von der Bedeutung der Erbringung von Prüfungsleistungen abhängen.

Die Abschlüsse von Prüfungsgesellschaften sind eine wichtige Information für den Markt, um die Prüfungsleistung und das Testat einer solchen Prüfungsgesellschaft sowie die Konzentrationsentwicklung beurteilen zu können.

22.

Welche weiteren Maßnahmen könnten bei der Governance von Prüfungsgesellschaften ins Auge gefasst werden, um die Unabhängigkeit der Prüfer zu erhöhen?

Der „editform governance code“ des FRC und des ICAEW ist eine Basis für die Verbesserung der governance. Unabhängige externe Aufsichtsräte (und nicht ehemalige Vorstandsmitglieder wie bisher) an der Spitze der großen Prüfungsgesellschaften würde vertrauensbildend wirken.

Bei zentralistisch angelegten Regelungs- und Steuerungssystemen in der WPG sollten Sanktionen auch diese WPG  treffen; bei einer dezentralen Prägung sollte der jeweilige Abschlussprüfer (Partner) mit der Sanktion getroffen werden.
Es sollten imagefördernde Anreize für die Bestellung Externer für Aufsichtsratsposten von WPG geschaffen werden.

23.

Sollten alternative Strukturen untersucht werden, um den Prüfungsgesellschaften die Kapitalaufnahme aus externen Quellen zu gestatten?

Es sollten keine Alternativen untersucht werden, um den Prüfungsgesellschaften die Kapitalaufnahme aus externen Quellen zu gestatten.

Es besteht die reale Gefahr, dass es hier zu einem Verlust an Unabhängigkeit kommt, was bereits im Ansatz vermieden werden sollte.

24.

Befürworten Sie die Vorschläge hinsichtlich der Gruppenprüfer? Haben Sie diesbezüglich weitere Anregungen vorzubringen?

Nein. Regelmäßig setzen die großen Gesellschaften ihren Anspruch durch, sämtliche Einheiten einer Gruppe prüfen zu müssen.

Die genannten Vorschläge führen zu einer weiteren Konzentration im Prüfermarkt.
Es bleibt das Problem der Erkennung der Eigenleistung des einzelnen Prüfers.

25.

Welche Maßnahmen sollten ins Auge gefaßt werden, um die Integration und die Zusammenarbeit bei der Beaufsichtigung von Prüfungsgesellschaften weiter zu verbessern?

Die Einrichtung einer neuen europäischen Aufsichtsbehörde bei grenzübergreifenden Prüfungsgesellschaften würde nur dann Sinn machen, wenn die betreffenden Prüfungsgesellschaften strenger beaufsichtigt würden. Dies könnte bezweifelt werden. Die berufsständischen Gremien (Vorstand, Abteilungen, Ausschüsse, Arbeitskreise) in der nationalen Aufsichtsbehörde (WPK) sollten nicht von Vertretern der BIG-4-Unternehmen dominiert werden. In Gremien, die unmittelbar mit der Berufsaufsicht zu tun haben, sollten keine Vertreter von BIG-4-Unternehmen sitzen.

Ein „joint audit“ von Aufsichtsbehörden bei grenzübergreifenden WPG ist eine weitere sinnvolle Option. Als zweitbeste Lösung kommt die Aufwertung des EGAOB im Hinblick auf die Zusammenarbeit nationaler Aufseher in Betracht. Eine Usance wie in der BRD, dass in jeder 2. Amtsperiode der Vertreter eines BIG-4-Unternehmens Präsident der Aufsichtsbehörde wird, ist abzuschaffen. Die Besetzung von Gremien, insb. in Bezug auf den Vorsitz, sollte durch die APAK erfolgen. Der Ausschluss von Gremiensitzungen wegen eigener Befangenheit eines BIG-4-Unternehmens ist im Hinblick auf „gleichgerichtete Interessen“ unzureichend, wenn der Vertreter eines anderen BIG-4-Unternehmens weiter teilnehmen kann.

26.

Wie könnte man eine bessere Konsultation und Kommunikation zwischen dem Prüfer großer börsennotierter Gesellschaften und der jeweils zuständigen Regulierungsbehörde erreichen?

Der Fokus sollte nicht auf eine bessere Konsultation und Kommunikation zwischen Prüfer und der zuständigen Regulierungsbehörde liegen, sondern auf eine „strengere“ Beaufsichtigung.

Auch langjährige „gute“ Konsultation und Kommunikation bei der Bankenaufsicht war eher krisenfördernd als krisenmindernd. (Auch bei Straftätern bringt eine bessere Kommunikation zwischen diesen und dem Strafgericht nichts.)

27.

Könnte von der derzeitigen Konfiguration des Audit-Marktes ein systemrelevantes Risiko ausgehen?

Ja. Die derzeitigen Marktanreize schaffen es nicht, schlecht oder fehl agierende Prüfungsgesellschaften vom Markt zu drängen oder marktmäßig zu sanktionieren (weniger Aufträge). In Teilbereichen der Tätigkeitsfelder von Prüfungsgesellschaften (Sonderprüfungen, Umwandlungen) besteht heute faktisch kein Wettbewerb mehr. Es besteht teilweise eine unüberwindbare Zugangshürde mit dem Ergebnis: „Man ist unter sich“ (closed shop).

Dies wird bei Verschmelzungen sichtbar:
BIG-1 = Abschlussprüfer;
BIG-2 = Verschmelzungsprüfer;
BIG-3 = Gerichtssachverständiger bezüglich der Bewertung der Abfindung;
BIG-4 = Sonderprüfer.
Im nächsten Verschmelzungsfall geht es wieder um die gleichen handelnden BIG-4-Einheiten, nur in einer anderen Reihenfolge. Diese Situation verschärft sich, wenn ein Big-4-Unternehmen ausfällt. Dies gilt analog bei DAX-Unternehmen.

28.

Könnte Ihrer Meinung nach die Schaffung obligatorischer Audit-Konsortien unter Einbeziehung mdst. einer kleineren, systemunrelevanten Prüfungsgesellschaft als Katalysator für die Dynamik des Audit-Markts wirken und kleineren sowie mittleren Prüfungsgesellschaften eine umfassendere Teilnahme im Segment größerer Audits gestatten?

Der genannte Vorschlag könnte in der Tat als Katalysator für die Dynamik des Audit-Marktes wirken und stellt eine sinnvolle, innovative Option dar, um zu mehr Wettbewerb zu gelangen. Der Marktzutritt muss auch für deutlich kleinere Einheiten ermöglicht und gefördert werden.

Auch im Bereich der mittelgroßen Gesellschaften könnten derartige Audit-Konsortien sinnvoll sein (z.B. zwei vereidigte Buchprüfer kooperieren, um eine große Gesellschaft prüfen zu können).
Vorteilhaft wären weitere Anreize im Hinblick auf die Verbesserung der Beurteilung des Testats von Audit-Konsortien.

29.

Halten Sie im Hinblick auf die Verstärkung der Struktur der Audit-Märkte einen obligatorischen Prüferwechsel  und eine  Ausschreibung nach einem bestimmten Zeitraum für angebracht? Wie lang sollte dieser Zeitraum sein?

Ein obligatorischer Prüferwechsel sollte bei großen börsennotierten Gesellschaften eingeführt werden. Ein 3-Jahreszeitraum ist angebracht. Nach diesen Erfahrungen wären sukzessive weitere Unternehmen einzubeziehen.

Die anlassbezogene oder zufallsbezogene Bestellung eines Prüfers durch die Aufsichtsbehörde könnte in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Eine „zwingende“ Ausschreibung ist für Unternehmen von öffentlichem Interesse allein aus Kostengründen sinnvoll.

30.

Wie sollte die Marktverzerrung durch die „Big Four" gehandhabt werden?

Die oligopolistisch geprägte Marktverzerrung durch die „Big Four“ (Prüfer-Kartell) sollte durch ein Bündel von Maßnahmen beseitigt werden, insbesondere:

  • Transparenz durch Veröffentlichung der Zahl der geprüften Gesellschaften nebst segmentierter Angabe von Honoraren für die Erbringung von Abschlussprüferleistungen;
  • Veröffentlichung von Mehrjahresberichten über Fehlurteile;
  • Erhebliche Verschärfung der Unabhängigkeitsregeln, insbesondere in Prüfermärkten, die durch die „Big-4“ dominiert sind;
  • Vollständiger Wegfall von sog.  Safeguards in Unabhängigkeits-regeln, z.B. in § 319a HGB;
  • Pflicht zur Ausschreibung von Abschlussprüferleistungen bei börsennotierten Gesellschaften;
  • Annahme von Abhängigkeit, wenn die Prüfungsgesellschaft auch die Geschäftspartner und Wettbewerber eines Mandanten prüft.

Einführung des residence principle: Ein Abschlussprüfer kann in der EU nur bestellt werden, wenn diese Prüfungsgesellschaft ihren Hauptsitz in einem EU-Land hat und keine zentralen Dienstleistungen aus einem Nicht-EU-Land bezieht. Möglichen EU-externen Einflussnahmen durch NSA, SEC, ISB, IFAC u.ä. muss konsequent entgegen getreten werden.
Es ist zu prüfen, warum staatliche Institutionen überproportional zum Prüfermarkt BIG-4-Unternehmen beauftragen.
Es ist zu prüfen, warum Gerichte in Spruchverfahren (Verschmelzung, Squeeze-out-Fällen, Umwandlungen etc.) fast ausschließlich BIG-4-Unternehmen für die Erstellung von Gutachten beauftragen.
Es ist zu prüfen, warum die Aufsichtsbehörde (Wirtschaftsprüferkammer) überwiegend in Gutachtenfällen BIG-4-Unternehmen als Gutachter benennen.
Es ist zu prüfen, warum die EU in nennenswertem Umfang Aufträge an BIG-4-Unternehmen vergibt.
Es ist zu prüfen, warum Ministerien BIG-4-Unternehmen mit der Beratung bei Gesetzgebungsprojekten beauftragen und dadurch die gegenseitige Unabhängigkeit beeinflussen.

31.

Stimmen Sie zu, dass Notfallpläne, einschließlich der „Auslaufpläne" („living wills"), eine Schlüsselrolle bei der Beseitigung systemrelevanter Risiken und Ausfallrisiken einer Prüfungsgesellschaft spielen könnten?

Zur Beseitigung system-relevanter Risiken sind Notfallpläne sinnvoll. Insbesondere sollte (nicht nur aus kartellrechtlichen Gründen) vermieden werden, dass eine Big-4-Gesellschaft eine andere Big-4-Gesellschaft ganz oder teilweise übernehmen kann, wie das nach ENRON der Fall war.

Die Fusion oder Verbindung in einem Netzwerk bei Prüfungsgesellschaften mit mehr als 10 Prüfern sollte unter dem Genehmigungsvorbehalt der Prüferaufsichtsbehörde gestellt und an enge Voraussetzungen geknüpft werden. Es sollte für den angesprochenen Notfall keine Schutzregelung zum Erhalt einer BIG-4-Gesellschaft geschaffen werden (too-big-to-fail), sondern ausschließlich eine geordnete Aufspaltung auf Nicht-BIG-4-Gesellschaften zugelassen werden.

32.

Sind die weitergehenden Grundüberlegungen in Bezug auf die Konsolidierung großer Prüfungsgesellschaften in den letzten zwei Jahrzehnten (d.h. globales Angebot, Synergien) nach wie vor gültig? Unter welchen Umständen sollte die Konsolidierung wieder rückgängig gemacht werden?

Es dürfte im Hinblick auf die Finanzmarktkrise klar geworden sein, dass die Konsolidierung der größeren Prüfungsgesellschaften nicht zu einer Verbesserung der Audit-Methoden, sondern nur zu mehr Bürokratisierung und Reglementierung geführt hat.

Den großen Prüfungsgesellschaften war der globale Umfang der toxischen Produkte klar und es hätte klar sein müssen, welches Rad im Hinblick auf die Konstrukte bei Verkäufer und Käufer dieser Produkte gedreht wurde, zumal diese überwiegend von ein- und derselben BIG-4-Gesellschaft geprüft und beurteilt wurden.

33.

Wie kann die grenzübergreifende Mobilität der Angehörigen der Prüferbranche am besten angekurbelt werden?

Es ist Skepsis angezeigt bezüglich der Möglichkeit einer Ankurbelung einer grenzübergreifenden Mobilität der Angehörigen der Prüferbranche. Die sprachlichen und regulatorischen Hürden sollten nicht übersehen werden.

Ein Ankurbeln der Mobilität ist gut, sollte aber erst einmal auf nationaler Ebene vorangetrieben werden.
Die Formulierung „grenzüberschreitend“ sollte ausschließlich auf die Mitglieder der EU bezogen werden; im übrigen sollte das residence principle gelten.

34.

Stimmen Sie einer „maximalen" Harmonisierung in Verbindung mit einem „Europäischen Pass für Abschlussprüfer und Prüfungsgesellschaften" zu? Sollten sie Ihrer Meinung nach auch für kleinere Prüfungsgesellschaften gelten?

Einer „maximalen“ Harmonisierung in Verbindung mit einem „Europäischen Pass für Abschlussprüfer und Prüfungsgesellschaften“ wird nicht zugestimmt, erst recht nicht bezüglich kleinerer Prüfungsgesellschaften. Dieser Vorschlag erscheint zu wenig flexibel und sehr bürokratisch.

Die Erfahrung zeigt, dass sich etwas „Maximales“ in der EU politisch kaum durchsetzen lässt. Ggf. wäre bei Realisierung des intendierten Vorschlags an die Duldung nationaler Ausnahmen zu denken. In strategischer Sicht könnte es dann zu Anerkennungsproblemen mit entsprechenden „amerikanischen“, „afrikanischen“ oder „asiatischen“ Pässen kommen.

35.

Würden Sie anstelle der gesetzlichen Abschlussprüfung ein niedrigeres Dienstleistungsniveau bevorzugen, wie z. B. die „Begrenzte Prüfung" oder „Gesetzliche Prüfung" der KMU-Abschlüsse? Sollte eine solche Dienstleistung davon abhängig gemacht werden, dass ein (interner oder externer) Buchhalter den Abschluss erstellt hat?

Eine Differenzierung in der Benennung der Art der Prüfung in Abhängigkeit von der Größe der Unternehmen macht wenig Sinn. Eine Prüfungsdienstleistung sollte immer davon abhängig gemacht werden, dass ein Dritter den Abschluss erstellt hat (Grundsatz der Trennung zwischen Erstellung und Prüfung bzw. Beachtung des Verbots der Selbstprüfung).

Eine bessere Option wäre es, die Anforderung an die Abschlussprüfung in Abhängigkeit von bestimmten Merkmalen (Größe, Branche, Medienrelevanz etc.) vorzunehmen. Die Abschaffung der „Prüfung“ aller Arten von Prognosen ist zu überdenken. Nur ein Hellseher kann einen anderen Hellseher widerlegen. Die (ausschließlich lasch zu handhabende) „Prüfung“ von Zukunftsentwicklungen (sofern eine solche möglich ist) färbt negativ auf die Prüfung vergangenheitsbezogener Daten ab.

36.

Sollte es eine Schutzzone geben, wenn es um ein mögliches Verbot der Erbringung von Nichtprüfungsleistungen für KMU-Kunden in der Zukunft geht?

Bei einem Verbot der Erbringung von Nichtprüfungsleistungen für KMU-Kunden sollte es keine Schutzzone im Hinblick auf die Schaffung von mehr Transparenz und Vertrauen geben.

Die Verquickung von Prüfungsleistungen und Nichtprüfungsleistungen sollte auf Dauer vollständig abgeschafft werden.
- Hinweis auf Anmerkungen zu 19. -

37.

Sollte eine „Begrenzte Prüfung" oder „Gesetzliche Prüfung" an weniger schwerfällige interne Qualitätskontrollregeln und Aufsichtsvorschriften seitens der Aufsichtsbehörden geknüpft werden? Könnten Sie Beispiele nennen, wie diesbezüglich in der Praxis vorgegangen werden sollte?

Bei einem niedrigeren Dienstleistungsniveau („Begrenzte Prüfung“) sollten, wenn dies eine realistische Option wäre, zwar die Qualitätskontrollregeln und Aufsichtsvorschriften gesenkt, dafür aber die Sanktionsmöglichkeiten erhöht werden.

Die Schaffung abgestufter Sanktionen sollte Vorrang vor dem Abbau schwerfälliger interner Qualitätskontrollregeln haben.

38.

Welche Maßnahmen könnten Ihrer Auffassung nach die Qualität der Kontrolle globaler Audit-Marktteilnehmer durch die internationale Zusammenarbeit steigern?

Vorrangig die Verschärfung von Sanktionen steigert  die Qualität der Kontrolle globaler Audit-Marktteilnehmer durch die internationale Zusammenarbeit. Weitere Maßnahmen: verschärfte Haftung, größere und längerfristige Transparenz von Fehlurteilen sowie die Empfehlung der Aufsichtsbehörde, bei einem Fehlurteil in einer systemrelevanten Branche auf die übrigen Marktteilnehmer einzuwirken, eine fehlurteilende Prüfungsgesellschaft zum Abschlussprüfer nicht zu bestellen. Bei dem Bilanzskandal bei einem Unternehmen von öffentlichem Interesse sollten die ergriffenen berufsrechtlichen Sanktionen EU-weit zentral gemeldet und registriert werden.

Arten von Sanktionen:

  • aufsichtsrechtlich (Geldbuße, Entzug der Prüfungsberechtigung, ggf. sek-toral, branchen- oder größenmäßig),
  • marktmäßig (Veröffentlichung der Prüfungsgesellschaften mit kritischen Prüfungsberichten im Bundesanzeiger, Medienberichterstattung, An-den-Pranger-Stellen),
  • finanziell (Rückgewähr von Prüfungshonoraren),
  • rechtlich (Nichtigkeit der Abschlussprüfung mit entsprechenden Konsequenzen wie Rückgewähr von Ausschüttungen an Aktionären mit Einfluss auf die Bestellung),
  • haftungsmäßig (bei Vorsatz: persönliche Haftung der agierenden Akteure).

Z:\BEW\cwbxx-10-Gruenbuch-Fragen-09.doc

 

Z:\BEW\cwbxx- 10-Gruenbuch-Fragen-09.doc

 

Schlussbemerkung
In DER BETRIEB 2009, 1025 ff. hatte ich als Konsequenzen aus der Krise bereits angemerkt (Zitate):
[1025] „(…) also zu fordern ist, (…) dass eine erwiesene Unglaubwürdigkeit der Bewerter (also der betroffenen Rating-Agenturen, Sachverständigen, Gutachter und Berater) durch kompetitive Elemente marktgerecht sanktioniert wird (Marktausschluss).“
[1030]  „Die genannten hochspekulativen Papiere fanden deshalb reißenden Absatz, weil eine Reihe von Institutionen und Personen den Kauf der strukturierten Papiere nicht mit den erforderlichen Warnsignalen, sondern mit vertrauensbegründeten Attributen begleiteten: (…)  Ähnliches gilt für die Testate der Abschlussprüfer für die publizierten Jahresabschlüsse der beteiligten Akteure. Ein solches Testat soll eins vermitteln: Glaubwürdigkeit des testierten Inhalts. Abschlussprüfer können nicht im Bestätigungsvermerk aufführen, dass die vom IDW festgestellten Grundsätze ordnungsmäßiger Abschlussprüfung beachtet wurden, und andererseits sich bei Positionen im gigantischen Ausmaße – entgegen des Standards IDW PS 320 zur Verwendung der Arbeit eines anderen Prüfers - auf das AAA-Rating von privatrechtlich organisierten Agenturen verlassen.“
[1030]  „Sorglosigkeit bei den Käufern hatte sich deshalb eingestellt, weil sie an die strenge Überwachung und an die Erfassung paralleler bzw. eng korrelierter Positionen (Klumpen) durch staatliche Institutionen (SEC, Bankenaufsicht, Notenbanken u.a.) glaubten.“
[1031] „Die These des Verfassers lautet: Nur wenn marktgerechte Sanktionen für fehl handelnde Ratingagenturen und Abschlussprüfer greifen, wird sich auf Dauer die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der nicht betroffenen Ratingunternehmen und Berufsangehörigen einstellen.  (…)  Der Leichtfertigkeit der Abgabe von vertrauensbegründenden Urteilen muss künftig konsequent Einhalt geboten werden.“
[1031]  „Was die Abschlussprüfer betrifft, sollten die Aktionäre und die Öffentlichkeit aufmerksam verfolgen, ob Institute mit Schieflagen und mit im Nachhinein als informationslos sich erweisenden Abschlüssen den gleichen Abschlussprüfer erneut beauftragen oder sich einem Prüferwechsel stellen. Sehr wirksam wäre die Ausschreibung und die Bestellung der Abschlussprüfer von Großbanken durch die BaFin (d.h. Abschaffung der freien Prüferwahl durch das zu prüfende Kreditinstitut) und insoweit Einführung des Rotationsprinzips, wobei die Prüfung als joint audits von Berufsangehörigen erfolgen sollte, die nicht mit einem Netzwerk verbunden sind, dessen headquarter oder deren faktische Leitung außerhalb der EU liegt (residence principle). Gerichte sollten prüfen, ob sie in Verschmelzungs- oder Umwandlungsfällen Bewerter als Gerichtssachverständige ernennen, deren Gesellschaft sich im Marktumfeld der Subprimepapiere als Abschlussprüfer der Akteure betätigt und zu Fehlurteilen gelangt sind. Enron hatte Schulden in Höhe von rd. 40 Milliarden Dollar verschleiert. Die Prüfungsgesellschaft schied daraufhin aus dem Markt aus. Die Schadenshöhe hat sich nunmehr um ein Vielfaches gesteigert. Es kann nicht sein, dass man einfach zur Tagesordnung übergeht und keine Konsequenzen aus dem initiierten und testierten Wertpapier-Roulette gezogen werden.“
[1031, Fn. 47] „Die großen Kreditinstitute werden nur durch einige wenige große, international tätige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (WPG’s) geprüft. Die Investmentbanken und Finanzdienstleister in den USA, die diese Papiere strukturierten und vertrieben, also aktiv diese Wettgeschäfte ankurbelten, wurden ebenfalls durchgängig von den gleichen großen WPG’s geprüft. Da diese WPG’s häufig mit ihren internationalen Verbindungen und der genauen Kenntnis der Finanzmärkte kokettieren, bleibt zu fragen, wo die Warnsignale bzw. Einschränkungen der Testate blieben, und warum diese sich zum Teil blind auf das AAA-Rating der Agenturen verließen, was berufsrechtlich nicht unbedenklich ist. Die Verantwortlichkeiten sind nicht genau auszumachen, zumal jeder jedem die Schuld an der Krise zuschiebt. Neben den Initiatoren der strukturierten Papiere wie Hypothekenbanken, Finanzmaklern, Emittenten gab es noch Treuhänder der Special Purpuose Vehicle (SPV’s) sowie Förderorganisationen (z.B. Investmentbanken), Due Diligence Firms sowie Nebengutachter (Collateral Appraisers), Hauptgutachter, Rating Agenturen, Prüfer usw.“
[1031, Fn. 48] „Auch hier ist die Frage nach der Glaubwürdigkeit zu stellen und es mutet merkwürdig an, dass ein Prüferwechsel im Bankensenktor trotz des Ausweises von Milliardenverlusten und Inanspruchnahme staatlicher Hilfe eher die Ausnahme ist. Vielmehr scheint es den Bankenprüfern darum zu gehen, die Richtigkeit der bislang verwendeten Bilanzierungs- und Bewertungsregeln für diesen hochspekulativen Bereich berufsständig zu untermauern, zumal sich dann eine Haftungsfrage nicht stellt. Eigene harte Regeln würden aber die Glaubwürdigkeit der Bewerter und Prüfer heben.“
[1031, Fn. 49] „Abschlussprüfer oder WPG’s, die nur in der EU tätig sind, sowie mittelgroße WPG’s sind derzeit faktisch diskreditiert.“
[1032] „Zur künftigen Vermeidung von Abschlussprüfer-Fehlleistungen sollte bei Großbanken die Abschaffung der freien Prüferwahl durch das zu prüfende Kreditinstitut, die Einführung des Rotationsprinzips (Drei-Jahres-Turnus), die zwingende Vornahme von joint audits und die Einführung des resident-principle ins Auge gefasst werden.“
[1032] „Im Kern ist die Subprime-Krise nicht eine Liquiditäts- oder Solvenzkrise, sondern eine Vertrauenskrise, die auf mangelnde Transparenz der bewertungsrelevanten Jahresabschussdaten von Banken, der Unzulänglichkeit der verwendeten Verfahren bei der Bewertung von Unternehmen mit spekulativem Geschäftszweig und der fehlenden marktgerechten Sanktionierung bei eintretender Unglaubwürdigkeit der bewertenden Person und urteilenden Institutionen zurückzuführen ist.“
Schwerpunkte der Reform sollten die umfassende Verbesserung der Sanktionsmöglichkeiten bei Fehlurteilen, die Trennung der Bestellung von Beratung und Bezahlung, die Fusionskontrolle bei Prüfungsgesellschaften, die Einführung des residence principle und die Neuregelung der Prüferbestellung sein. Ich schlage bei Banken die Aufspaltung der Abschlussprüfung nach Segmenten der Bilanz auf verschiedene von einander unabhängige und nicht systemrelevante Prüfungsgesellschaften vor. Die Lösung des Problems der Messung der Qualität einer Prüfungsgesellschaft mit Angabe von Skalenwerten würde eine Reihe anderer Probleme (Konzentration, Sanktionsangemessenheit, Unabhängigkeit) lösen helfen.